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Norwegen: Hitze, Rock und Eis am Stiel

Irgendwas mit Nordkap
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Norwegen: Hitze, Rock und Eis am Stiel

Norwegen, vor allem Nordnorwegen, ist der absolute Knaller. Wirklich. Wir haben uns in diese abwechslungsreiche und rauhe Landschaft regelrecht verliebt. Here we go:
Unser hurtiges Routenschiff spuckt uns kurz vor Mitternacht bei strahlendem Sonnenschein in der Stadt Tromsö wieder aus. Wir eiern übernächtigt zum dortigen Campingplatz. Die ähm..., sagen wir mal gutmütig „Zeltwiese“, ist krass überlaufen. Nur mühsam finden wir ein freies Plätzchen für unser Zelt und bauen alles so leise wie eben möglich auf. Die anderen Camper verfluchen uns wahrscheinlich die Knochen. Zurecht! Wie kann man denn so spät noch irgendwo ankommen und rumkruschpeln? Dann geht es schnell in den Schlafsack, Tuch über die Augen und endlich nochmal richtig schlafen.
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Nachts in Tromsö

 
Die auf Tromsö folgenden Radetappen über die Inseln Kvaloya, Senja, die Vesteralen und Lofoten, also man könnte auch sagen, von Tromsö über die Eismeerinseln nach Bodo, gehören zu den landschaftlich Schönsten, die wir bisher geradelt sind. Daher ist das unser Tipp an alle, die auch mal in Norwegen radeln wollen, aber nicht so viel Zeit haben. Fahrt diese Strecke, es lohnt sich. Echt.
Man muss dazu sagen, dass wir unglaublich tolles Wetter hatten. Norwegen kann nämlich auch krass verregnet und neblig sein, auch im Sommer. Wir haben allerdings einen Jahrhundertsommer erwischt und durften alles hell, sonnig und klar sehen. Hammergeil!
 
 
Auf der Eismeerinsel Senja genießen wir zwischendurch unseren Kurzurlaub mit Jenny und Jojo. Hohe Wasserfälle, traumhafte Sandstrände und ein magisch gelegenes Cafe in einer einsamen Bucht, mit Kunstausstellung. Da kam doch tatsächlich ein Künstler namens Ben Wilson auf die Idee, auf durchgekaute, plattgedrückte Kaugummis was drauf zu malen? Richtig schöne kleine Kunstwerke sind daraus entstanden. Was es nicht alles gibt.
 
 
Abends haben wir das Glück von Jojo, der sehr gerne kocht, nochmal richtiges Essen anstatt unser Campingeinerlei serviert zu bekommen. Es gibt lecker Kotelett und Kartoffeln und Broccoli. Schmatz!
Und heimisches, wohl temperiertes Kowelenzer Pils haben die Beiden auch noch dabei, es ist ein absoluter Traum. Nach zwei Tagen heißt es dann aber leider schon wieder Abschied nehmen. Die Zwo haben nämlich noch fünf Tage Fahrzeit vor sich, um wieder heim zu kommen. Schade, ging alles viel zu schnell vorbei...
 
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Idyllischer Müll... ääh Zeltplatz auf den Lofoten

 
Wir radeln wieder weiter, von Insel zu Insel, schnappen zwischendurch unseren Bikebuddy Josh wieder auf und genießen den norwegischen Norden in vollen Zügen. Die Vesteralen und Senja können unserer Meinung nach mit den Lofoten locker mithalten und sind nicht so überlaufen.
In Bodo kommen wir per Fähre wieder auf´s Festland. Jetzt geht es weiter Richtung Süden. Norwegen zieht sich etwas, wenn man an der ausgefransten Küste entlangfährt. Konkret heißt das, dass wir etwa 3000 Kilometer nur in Norwegen abreiten. Also fast die Hälfte unserer bisherigen Reise. Wir müssen ja auch die ganzen Fjorde entlang ömmeln. Da siehst du morgens schon, wo du abends auf der anderen Seite entlang fahren wirst. Mit Fähre wäre die Sache in vielleicht 5 Minuten erledigt. Fähren gibt es natürlich ohne Ende, aber eher um von Insel zu Insel zu kommen. Wir müssen jedenfalls etliche Schiffchen nehmen.
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Nicht ganz fangfrischer Fisch auf den Lofoten

A Propos Schiffchen. Josh hat Freunde (Jennifer und Mikael) in Trondheim, die dort ein Segelboot im Hafen vor Anker liegen haben. Er hat vor, dort einige Zeit zu bleiben und bietet uns an, auch ein paar Nächte auf dem Boot zu leben. Wir sind natürlich Feuer und Flamme und freuen uns total über die bevorstehende Abwechslung. Gesagt, getan. Josh radelt schon mal vor und hat schnell einige Tage Vorsprung, um auf dem Boot alles klar zu machen.
 

Abrocken in Trondheim

Irgendwann kommen wir endlich auch in Trondheim an und beziehen Quartier auf dem besagten Segelboot. Tja, was sollen wir sagen? Das Boot ist sehr cool und hat sechs Schlafplätze.
Auf nem Boot zu leben is allerdings ziemlich gewöhnungsbedürftig. Obwohl es windstill ist und der Kahn einfach nur im Hafen liegt, schaukelt es dennoch ordentlich. Der Wohnbereich ist für uns Landratten total beengt, besonders das Klo und man fühlt sich wie ein Elefant im Porzellanladen.
Im Gehirn beginnt auch relativ schnell ein merkwürdiger Schaukelprozess. Nach kürzester Zeit sind wir ziemlich matschig in der Birne und dödeln nur noch so rum (ihr kennt das Gefühl vielleicht vom Besuch im Wellenbad. Selbst wenn man wieder daheim ist, schaukelt alles noch).

Die Bootseigner Jennifer und Mikael laden uns Drei am zweiten Abend in Trondheim nach Hause ein. Wir kochen was Leckeres und essen gemeinsam. Dann stellt sich heraus, dass die Beiden auch Rocksmith spielen und was soll man sagen? Klar, natürlich wird den ganzen restlichen Abend gejammt und E-Gitarre, bzw. E-Bass gespielt. Eine absolut unerwartete Möglichkeit nochmal ordentlich abzurocken. Und das auf unserer Tour!
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Yachthafen von Trondheim

Wir hätten auch noch länger in Trondheim bleiben können, ist ein sehenswertes Städtchen. Aber das schaukelige Gefühl im Hirn haben wir jetzt permanent auch an Land und wir wollen doch eigentlich lieber weiter und wieder einigermaßen normal im Kopf werden. Also bepacken wir unsere Räder und machen noch einen kurzen Schlenker durch die schöne Altstadt, als uns jemand auf Deutsch anspricht: „Seid ihr wirklich aus Koblenz?“ (er hat nämlich unsere Flaggen gesehen).
Der Fragende heißt Konrad, Deutscher, der in Trondheim lebt und dort als Prof an der Uni arbeitet. Er ist total interessiert und wir quatschen uns mit ihm für insgesamt etwa drei Stunden fest (in seinem Lieblingscafe). Konrad ist total nett und gibt uns viele interessante Infos über Norwegen und viele Denkanstöße mit auf den Weg. Offiziell ist er nun unser norwegischer Botschafter, den wir im Notfall anrufen dürfen. Nur für den Fall der Fälle. Cool!
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Um eine Erfahrung reicher: Leben auf nem Boot ist nix für uns

 

Tunnel oder Fähre?

Uns fällt übrigens auf, dass wir in Norwegen häufig angesprochen werden und die Leute uns hilfreiche Tipps geben. Ursprünglich war unser Plan nämlich von Trondheim den direkten Weg rüber nach Schweden zu nehmen. Sind nämlich nur etwa 100 Kilometerchen. Allerdings rieten uns ALLE Norweger davon ab. Schweden ist eh langweilig (LOL), da ist nichts außer Wald, außerdem könnte es dort derzeit brennen (stimmt) und wir würden dann ja die „very spectacular road“ verpassen. Hä? Was denn für ne „spectacular road“? Wir haben zunächst keinen blassen Schimmer, wovon die alle quatschen.
Irgendwann raffen wir, dass die Norweger uns alle empfehlen von Andalsnes aus die Straße 63 nach Geiranger zu nehmen. Diese spektakuläre Straße 63 ist der Trollstigen, die Trollleiter. Ein serpentinenartig angelegter Bergweg, mit elf Haarnadelkurven und Brücke über nen Wasserfall. Oh ha. Ja dann, das müssen wir natürlich sehen (Bilder in der Europa Gallery).

Das heißt aber auch, dass wir noch weiter an der Küste entlang radeln müssen, weitere Fjorde, Tunnel und Fähren stehen uns also bevor. Und dann kommt es irgendwann, wie es kommen muss: Wir fahren uns auf einer der zahlreichen norwegischen Inseln quasi fest. Sackgasse. Es gibt einen Tunnel, nur leider dürfen wir ihn mit dem Fahrrad nicht befahren. Normalerweise kann man dann einfach eine alternative, längere Straße nehmen und drum herumfahren. Hier geht das nicht. Er verläuft nämlich unter dem Wasser, ähnlich wie damals der Nordkaptunnel. Scheiße.
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Fährfahrten gehören zu unserem Alltag dazu - normalerweise ...

Wir versuchen etwas verzweifelt eine Fähre zu finden und quatschen ein paar Leute an. Ein älteres Paar sagt uns, dass wir wieder nach Trondheim zurück fahren müssten, von dort gäbe es eine Fähre. Wie jetzt?!? Trondheim! Wollen die uns verarschen? Da sind wir ja vor vier Tagen hergekommen.
Ein hemdsärmeliger, jüngerer Typ, Marke Doug Heffernan (King of Queens), hört alles mit. Er springt enthusiastisch auf und sagt, dass er nur grade seine Schlüssel daheim holt und uns dann mit seinem eigenen Boot rüber fährt. Wir sind total perplex und sprachlos. Aber er ist schon abgedampft, bevor wir auch nur etwas erwidern können.
Dieser endgeile Typ verlädt dann tatsächlich unser komplettes Geraffel in sein Speedboat und ab geht die Post zur gegenüber liegenden Insel. Tunnel, du kannst uns mal!
Diesen spontanen Ritt werden wir auf jeden Fall nie vergessen. Tausend Dank, Doug (wir haben in der Hektik leider vergessen ihn nach seinem Namen zu fragen).
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Unser privater Fährmann

Außer Doug, Konrad sowie Jennifer und Mikael haben wir noch weitere, außergewöhnlich hilfsbereite und großzügige Menschen kennen lernen dürfen.
Von einem netten norwegischen Radreisepaar (die Beiden sahen so aus, wie man sich echte Wikinger vorstellt) wurden wir zum Hähnchenschenkel essen eingeladen. Von einem anderen Norweger haben wir zwei Büchsen Bier geschenkt bekommen (kostet hier ein Vermögen). Eine tschechische Familie hat uns ebenfalls zu mehreren Pils und Jägermeister eingeladen. Von einem Hamburger haben wir leckeren, gebratenen Seehecht geschenkt und eine Schlafgelegenheit in Hamburg angeboten bekommen. Unser kanadischer Bikebuddy Josh hat uns mehrere Male abends bekocht. Von einer Norwegerin haben wir Äpfel und Bananen , in einem Radladen einen fehlenden Maulschlüssel geschenkt bekommen und und und…

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Diese Ähnlichkeit... der sieht aus wie unser alter Chef Manni

Dazu kommen natürlich noch die zahlreichen netten Gespräche. Hier sieht man uns mit dem norwegischen "Manni" (heißt hier aber Christian), nach einem lustigen und sehr lebendigen Gespräch über sein aufregendes Leben – vom Schiffsmaschinisten zum Heilerziehungspfleger. Ähnlicher Background und ebenfalls mit Vorliebe zu schnellen Autos. Könnte ein Zwilling sein.
 

Eis essen auf norwegisch

Die Glücksfee meint es auch in Norwegen gut mit uns. Hier kommt ein unglaubliches Begegnungs-Highlight:
Wir radeln an einem der heißesten Tage dieses Sommers durch menschenleere Landschaft (wenige Häuser, weit auseinander liegende kleine Ortschaften) und werden vier Mal von ein und demselben LKW der Firma „Diplom Is“ (der hiesige Eismonopolist) überholt, der offensichtlich die umliegenden Läden in den Ortschaften abklappert, um Gefrorenes abzuliefern. Wie sehr wünschen wir uns, dass der Fahrer sich erbarmt, einfach so anhält und uns ein Eis schenkt. Wunschdenken. Macht er natürlich nicht. Ist ja eigentlich auch klar: Der hat nur Großpackungen und kein einzelnes Eis. Wir kommen an diesem Tag jedenfalls an kein Eis heran.
Der nächste Tag ist gewittrig und wir suchen während eines kurzen Regenschauers Schutz unter einer Bushaltestelle in einem Gewerbegebiet, als ein Diplom Is LKW (nicht derselbe vom Vortag) an uns vorbei fährt und auf einem Parkplatz gegenüber von uns anhält. Der LKW-Fahrer steigt aus, klettert hinten in den Aufbau und kommt kurz danach mit einem kleinen Karton von der Ladefläche gehüpft. Wir wundern uns beide, wo der das Ding abliefern will. Hier ist ja nirgends ein Laden. Er kommt schnurstracks auf uns zu, drückt uns beiden lächelnd ein Eis in die Hand, nimmt sich selbst eins und setzt sich vor uns auf den Bürgersteig. Er heißt David und erklärt uns, dass er diese drei Eis nicht abliefern konnte, da die Verpackung beschädigt ist. Hammer!
David hat heute einen krass langen Arbeitstag hinter sich (wegen der Hitzewelle ist absolute Hochsaison). Er ist froh, um ein paar stressfreie Minuten und mit uns ganz gemütlich ein Eis zu essen, bevor er wieder weiter muss.
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Muss leider wieder weiter... unser Eissupporter

Er ist sehr interessiert an unserer Reise und an unseren bepackten Rädern, wie uns Norwegen gefällt, wohin es als nächstes geht und so weiter.
So sitzen wir Drei gemütlich an dieser Bushaltestelle, genießen zusammen diesen Moment und quatschen über dies und das, so als würde man sich schon ewig kennen.
David muss irgendwann schließlich weiter, wir bedanken uns für diese willkommene Erfrischung und geben ihm noch unsere Visitenkarte mit. Diese Begegnung war für uns ein absolutes Highlight und dieser gemeinsame Moment hat uns richtig geflasht und zwar nachhaltig! Unser Wunsch vom Vortag wurde erhört.
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Die Hitzewelle in Norwegen lässt uns schrumpfen

Lustigerweise kommt uns David in seinem Diplom-Is-LKW am nächsten Tag auf unserer Strecke entgegen. Wir freuen uns, winken einander zu und es ist für einen kurzen Moment so, als würden wir hier wohnen und einem Freund zuwinken.
Jetzt kommt der Oberknaller. Anschnallen ist geboten. Also: Ein paar Tage später schreibt uns David, dass er uns supporten möchte. Er war auf unserer Website. Wenn wir wieder mal in der Gegend sind, sollen wir ihn auf jeden Fall kontaktieren und er kümmert sich um eine Schlafgelegenheit für uns. Außerdem möchte er uns etwas Geld zukommen lassen.
Wir machen ihm den Vorschlag, dass er die für uns vorgesehene Geldspende nutzt, um anderen Reiseradlern ebenfalls ein Eis auszugeben und ihnen dieselbe tolle Erfahrung zugute kommen zu lassen, wie wir sie mit ihm hatten. Quasi eine Stiftung „Eis für Radreisende“.
David schreibt uns zurück, dass er die Stiftungsidee toll findet UND uns etwas überwiesen hat. Wow! Wir hatten ihm noch nicht mal ne Bankverbindung gegeben, er hat einfach direkt Butter bei die Fische gemacht und uns über Paypal „Geld an Freunde senden“ ne Finanzspritze zukommen lassen. Was für ein Typ!
Freunde und Familie haben uns bisher auch finanziell unterstützt oder für das Wadenkrampfprojekt gespendet, aber er ist nun der erste, der uns nicht von früher kennt und uns persönlich finanziell supportet. Unsere Fährkosten für Norwegen sind jedenfalls wieder drin.
 
 
Wo wir uns zuletzt aufgehalten haben