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Lettland - Land der Begegnungen

Dieser Artikel wird etwas anders als die vorherigen. Anstatt euch mit Sightseeinggesabbel zu langweilen, stellen wir für Lettland mal die Begegnungen in den Vordergrund. Hier nur mal drei Begegnungen mit Schwerpunkt auf Radfahrern, die uns nachhaltig irgendwie berührt, inspiriert und / oder amüsiert haben.
 
LKW auf Staubpiste

Kann man drauf verzichten: Begegnung mit LKW auf einer Staubpiste

 
 

Begegnungen, erster Akt

Wir radeln so unserer Wege und suchen uns nachmittags über unsere Camping-App einen Platz heraus, den wir für den Abend anpeilen. Eigentlich so wie immer. So gegen halb neun abends, später als für uns üblich, erreichen wir die Stelle, wo der Platz laut App sein müsste. Fehlanzeige, weit und breit kein Campingplatz zu sehen. Häh?!? Ratlos schauen wir uns um, wir stehen mitten in einem Wohngebiet. Ein Mountainbiker kommt des Weges und wir fragen ihn nach dem besagten Campingplatz. Er schaut auf unsere App und kann es sich nicht erklären. Die Adresse ist schon richtig, aber hier gibt es definitiv keinen Zeltplatz. Na geil! Jetzt noch mal dreißig km weiter bis zum nächsten Platz radeln. Verfluchte App!!
Er sieht uns die Überraschung gepaart mit Enttäuschung an und entscheidet spontan uns zu sich nach Hause einzuladen. Wir dürfen im Garten zelten und verbringen einen sehr lustigen Abend mit ihm und seiner Frau, die zunächst etwas irritiert war, was ihr Mann da für Gestalten mit nach Hause bringt.
Die beiden haben ein wunderschönes Grundstück mit altem Baumbestand, einem kleinen Erdhügel mit Keller und ein altes Blockhaus, dass zur Sauna umgebaut werden soll. Unser spontaner Gastgeber ist begeisterter Whiskeytrinker und der Meinung, dass er umso besser Englisch spricht, je mehr er von dem edlen Gebräu konsumiert. Ab einem gewissen Pegel könne er sogar ihm völlig unbekannte Sprachen sprechen, die er nie gelernt habe. Wir können nach diesem lustigen Abend allerdings mit Bestimmtheit sagen, dass diese steile These nicht stimmt. Beim Herumblödeln über alles mögliche, Vergleichen zwischen lettischen und deutschen Bräuchen merken wir gar nicht, wie schnell die Zeit vergeht. Übrigens ist "Koblenz" so eine Art Slangwort für "Ich hab' ein Auge auf dich!"
 
 
Koblenz

Es ist ein Sicherheitsdienst, der aber nix mit Koblenz zu tun hat

 
Am nächsten Morgen trinken wir noch nett nen Kaffee zusammen im Garten, schießen ein Abschiedsfoto und dann heisst es Adieu und weiter geht die Reise. Da ist sie übrigens wieder, die ehrliche Gastfreundschaft auch hier in Lettland.
Leider haben wir noch keine Rückmeldung von den Beiden bekommen, daher werden wir an dieser Stelle, aus Rücksicht auf die Privatssphäre, kein Foto veröffentlichen.
 
 
Begegnungen, 2. Akt
Wir stehen so an der A10, eine recht viel befahrene Mainroad und wundern uns über einen überdimensional großen Bierkrug, mitten auf einer Wiese. Also wirklich groß. Größer als ein Wohnhaus. Offensichtlich eine lettische Sehenswürdigkeit, sieht echt abgefahren aus und kam sehr unverhofft. Wir schauen staunend, da gesellen sich mit lautem "Hello!" und "How are you?" Marc und Aurelie zu uns. Ein junges Paar, er Brite, sie Französin, beide bisher in Spanien sesshaft, auf dem Weg von Helsinki nach Singapur. Wahnsinn! Wie krass ist das denn? Die Beiden haben anderthalb Jahre eingeplant und wollen die unter Radreisenden beliebte Route durch den Iran nach Asien nehmen. Ach ja, nach Nepal wollen die Beiden auch noch. Marc erklärt uns, dass wir hier vor dem größten Bierkrug Europas stehen, was uns nach einigem Staunen zu dem Schluss kommen lässt, dass es irgendwo auf der Welt ja sogar noch einen größeren geben muß. Marc ist jedenfalls hellauf begeistert von unseren Surly Bikes und will alles über unser Setup wissen. Beide sind wirklich richtig fahrradverrückt. Ihr könnt euch davon auf ihrem Videoblog auf YouTube überzeugen. Außerdem unterstützen sie mit ihrer Tour gleich zwei soziale Projekte die jeweils etwas mit Fahrrädern zu tun haben. Aber seht selbst. Wir tauschen uns noch etwas über dies und das aus und fahren anschließend in verschiedene Himmelsrichtungen davon, jedes Paar in sein eigenes persönliches Abenteuer.
 
Bierkrug

Für den größeren Durst

Marc and Aurelie II

Marc und Aurelie auf dem Weg nach Singapur

 
 
Begegnungen, 3. Akt
Jetzt noch der Abschlussknaller. Zu Beginn aber erst mal eine schöne kleine Einleitungsstory zum Stimmung aufbauen. Wir sind am Morgen 20 km vor Riga richtig mies drauf, da wir uns auf dem letzten Campingplatz echt abgezockt fühlen. Man kann nicht sagen, dass die Leute unfreundlich waren. Aber irgendwie haben wir das Gefühl, dass Zeltcamper allgemein eher unerwünscht oder nur eben gerade geduldet sind. In der Camping Hack- und Fressordung ist man als Zeltcamper eh ganz unten. Auf diesem besagten Campingplatz jedenfalls folgendes: Alles kostet extra! Strom drei Euro, drei Euro pro Person fürs Duschen (wieviel Kubikmeter Wasser bekommt man eigentlich für sechs Euro ?!?) und das war jetzt keine Luxusdusche mit Spa oder so. Nur mal kurz zum Vergleich: In Deutschland ist es manchmal schon dreist, da kostet das Duschen meistens so einen Euro oder man kann in 0.50 Euro Schritten selbst bestimmen, wie lange man duscht, bzw. wie teuer es werden kann. Auf allen litauischen und polnischen Campingplätzen dagegen, auf denen wir waren, war Duschen inklusive. Geht ja auch. Egal, wir waren ja beim Campingplatz. Also, morgens um halb 7 Uhr beginnt der Hausmeister vom Platz, direkt neben unserem Zelt, lautstark rumzuwerkeln (als wenn es auf dem Platz sonst nirgends was zu schaffen gäbe) und während wir frühstücken fängt der Gastgeber an, genau in diesen Bereich in dem wir sitzen, die Bänke und Tische weg zu räumen. Öhm, ja... sehr gemütlich, danke. Sprich, wir sind gefühlt überall im Weg und machen uns überstürzt und übellaunig auf den Weg nach Riga. Ach so, auf dem Weg nach Riga wollen wir noch in nem grösseren Fahrrradladen nen guten, neuen Sattel und ein paar andere Radsachen besorgen. Ein Sattel ist nämlich nach jahrelangem Einsatz abgeritten. Polen hat vor vier Wochen mit seinen Ruckelpisten ordentlich Tribut gefordert, es ist uns außer dem Spiegel auch noch ein Flaschenhalter abgebrochen. Deshalb war ein gut sortierter Radladen so wichtig. Multiöl ist auch schon alle.
 
Radladen

Radladen kurz vor Riga

 
Dieser Laden liegt allerdings direkt an der Autobahn, deshalb nicht so leicht zu erreichen. Wir versuchen mehrere Varianten und kurz gesagt, wir fahren ca. 15 km umsonst (natürlich Feldwege, was sonst?), da immer diese blöde Autobahn im Weg ist. Das Navi ist leider keine große Hilfe. Eher im Gegenteil. Erst nach langer, langer Suche finden wir einen Weg mit Brücke über die Autobahn und erreichen endlich den Laden. Haben dort auch alles Benötigte bekommen. Von unserer Grundstimmung her kann Riga eigentlich nur kacke werden. Genervt, viel später als wir eigentlich wollten und außerdem krass überfordert von der Größe der Stadt und den Menschenmengen sind wir also endlich in Riga angekommen.
 

Prächtige Altstadt in Riga

 
Wir hoppeln mit unserem Radgeraffel auf dem Kopfsteinpflaster eines kleinen Sträßchens der Altstadt entgegen und hören plötzlich nur noch "Ah, hello. How are you, how is your Trip? …" Da haben uns zwei Franzosen angequatscht, die auch mit dem Rad unterwegs sind und zwar zur Fußball WM nach Russland. Sehr cool! Die netten Jungs fragen uns dann, ob wir IHN schon kennen gelernt hätten? Hä? Wen? Äh, nein, also IHN haben wir noch nicht kennengelernt. "Oh, you have to meet him!" beteuern uns beide eindringlich. Okay, denken wir, die zwei haben vielleicht etwas viel Sonne abbekommen und sind dehydriert oder so... Keine Ahnung, warum die so euphorisch sind. Wir folgen den Beiden und rappeln zusammen weiter auf einen großen Platz vor dem Dom von Riga. Und dann erblicken wir IHN:
 
Maty

Begegnung mit IHM in Riga

 
Fahrrad-Jesus. Eine echte Erscheinung. Lange Haare, Vollbart (leider Sneaker statt Latschen. Egal). Er heißt Maty, ist aus Argentinien und hat in Riga zufällig drei andere Argentinier getroffen, die wegen der Fußball WM auf dem Weg nach St. Petersburg sind und IHN ein Stück begleiten. Uns war schlagartig klar, dass zur Zeit ganz viele Fußballfans bereits auf dem Weg nach Russland sind, per Rad oder wie auch immer.
 
Argentinier

Vier Sterne Trikot trifft zwei Sterne Trikots

 
ER, also Maty hat mit der WM allerdings nix am Hut. Er ist nämlich schon seit fünf Jahren auf dem Fahrrad unterwegs, in Argentinien gestartet und hat bisher 80.000 km hinter sich. Ja, richtig gelesen. Achtzigtausend Kilometer! Er hat uns die zurückgelegte Strecke auf der Karte gezeigt. Maty will jetzt noch nach St. Petersburg, dann ebenfalls zum Nordkap und danach nach China und Indien. Unfassbar. Sein Rad wiegt 90 kg (durften erfolglos versuchen es anzuheben), er hat scheinbar alle Andenken und Geschenke, die er während der Reise erhielt aufbewahrt und am Fahrrad befestigt. So wurde mit der Zeit ein rollendes Kunstwerk aus seinem Rad. Er ist total relaxt und unglaublich nett. Und offensichtlich auch sehr genügsam, denn er kommt nach eigenem Bekunden mit drei bis fünf Euro pro Tag zum Leben aus, Geld, dass er tagsüber gespendet bekommt. Hat allerdings die letzten fünfzig Tage auch in der freien Natur gecampt. Hammer!
 
Maty II

Matys Rad aus der Nähe. Im Hintergrund die zwei Franzosen, die uns zu ihm geführt haben.

 
Maty ist an diesem Tag die absolute Attraktion in Riga und hat seine Story sicherlich xmal erzählt. Dennoch nimmt er sich viel Zeit und quatscht mit uns. Wer mehr über IHN erfahren will, kann dies auf seinem YouTube Channel "Maty Amaya por el mundo" oder auf facebook unter Enbicioporelmundo. Da stehen also vier Argentinier (die für Russland übrigens kein Visum brauchen), zwei Franzosen und zwei deutsche Radreisende auf einem Platz in Lettland, tauschen sich aus und machen Fotos. Es ist laut, immer wieder bleiben Schaulustige stehen und fotografieren dieses Ensemble. Diese Begegnungen machen die schlechte Laune im Nu vergessen und wir radeln glücklich weiter und aus Riga heraus.
 
Riga

Maty zeigt seine Route auf einer Karte an seinem Fahrrad

 
Es ist sehr abgefahren, wie viele Menschen gerade unterwegs sind und welche Ziele sie zum Teil anfahren. Gute Reise und alles Glück der Welt wünschen wir allen Radreisenden und allen sonstigen Globetrottern, die wir schon kennen gelernt haben. Genießt diese unvergessliche Zeit in vollen Zügen, so wie wir.
 
 
Wo wir uns zuletzt aufgehalten haben