parallax background

Litauen – Land mit ehrlicher Gastfreundschaft

Langsamkeit in Polen entdecken
13/05/2018
Lettland – Land der Begegnungen
31/05/2018
 

Litauen – Land mit ehrlicher Gastfreundschaft

Ehrliche Gastfreundschaft? Gibt es denn auch unehrliche Gastfreundschaft? Na klar, die gibt es: Wer dir nur deshalb einen total überzuckerten Apfeltee anbietet, um dir im nächsten Atemzug nen ollen Teppich aufzuschwatzen oder dir ne nachgemachte Rolex andrehen will, ist nicht wirklich gastfreundlich.
Ehrliche Gastfreundschaft gibt dir etwas, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Und genau diese ehrliche Gastfreundschaft haben wir während unseres viel zu kurzen Aufenthalts in Litauen kennenlernen dürfen.

Zugegeben, wir hatten keine großen Erwartungen an Litauen, zumal unser Radreiseführer für Europa meinte, dass Litauen von allen drei baltischen Staaten am ehesten vernachlässigt werden könnte. Weit gefehlt!
Wer sich nicht nur aufs dümmliche Kilometerfressen beschränkt, sondern sich auch mit Natur, Kultur und Menschen auseinander setzen mag, der kommt an Litauen nicht vorbei und sollte auch genug Zeit einplanen.
Die Straßen sind gegenüber Polen deutlich besser. Nur die Nebenstraßen sind Schotter- oder Sandpisten. Straßen- und wegemäßig sind wir durch Polen aber sowieso abgehärtet. Generell müßig, sich über die Straßenbedingungen in Nordosteuropa aufzuregen. Natürlich sind wir in Deutschland geradezu verwöhnt, was Straßenbelag angeht. Von daher Augen zu (oder besser weit auf) und durch…
 
Lonely Road

Straßen bis zum Horizont

 
 
Schon an unserem ersten Abend in Litauen wurden wir mit Karten und Infomaterial auf dem Campingplatz beschenkt. Man ist sehr bemüht, uns alles Recht zu machen und unglaublich freundlich.
Am zweiten Abend werden wir zum Tee eingeladen, einfach weil unser Gastgeber Lust hatte, mit uns deutsch zu reden und um seine Deutschkenntnisse aufzufrischen. Am nächsten Morgen bekamen wir von ihm auch noch ne Tafel Schokolade geschenkt, zudem hatte er extra Milch gekauft und trank mit uns im Baumhochsitz noch gemütlich Kaffee. Total nett. Unser Zimmer hat übrigens schlappe 15.- € gekostet. War kein Sterne-Hotel, sondern eher mit Zielgruppe „Bauarbeiter auf Montage“, schon klar. Aber ein wirklich mit viel Kreativität angelegtes verspieltes Anwesen.
 
Unterkunft

Innenhof unserer Unterkunft

Zimmer

Taschenchaos in unserem Zimmer

 
Außerdem haben wir einige facts über Litauen gelernt. Besonders krass fanden wir, dass seit den 1990er Jahren fast eine Millionen Litauer ausgewandert sind. Bei einer jetzigen Gesamtbevölkerung von etwa drei Millionen Einwohnern ist das immerhin ein Viertel! Begründet wurde uns dies damit, dass Litauen fast 50 Jahre im Tiefschlaf, während der sowjetischen Besatzung, lag. Vormals war Litauen auf einer Entwicklungsstufe mit den skandinavischen Ländern. Man fühlt sich abgehängt (dieser Eindruck zwingt sich geradezu auf, wenn man das Land bereist) andererseits ist man aber auch enorm ehrgeizig, um den Lebensstandard anzuheben. Die Campingplätze, die wir bereist haben, waren jedenfalls ausnahmslos hochwertig ausgestattet und waren durchweg empfehlenswert.
 
Stadtansicht

Betonklötze waren damals der letzte Schrei

Landhaus

Aber auch davon gibt es in Litauen viele...

 
Ganz nebenbei waren wir auf einem unserer bisher schönsten Campingplätze ever gewesen. Das Ding heißt „Sunny Nights“ und liegt im Norden von Litauen in Gatauchiai (sauviele Orte enden auf „iai“). Besitzer ist selbst fahrradbegeistert und war vor kurzem mit dem Rad in Marokko. Konnte uns mit guter Standluftpumpe weiterhelfen, da wir an diesem Tag unseren ersten Platten hatten. Die benötigten 4,5 bar bekommt man zwar auch mit unserer Handpumpe auf die Reifen, hat allerdings anschließend Arme wie Bud Spencer. Ääh… wir schweifen ab.
 
Camping sunny nights

Campingplatz mit viel Liebe zum Detail

 
Also: Auf dem Campingplatz finden seit über zehn Jahren auch Musikfestivals und Workshops statt. Coole Bühne, auf der wir unser Zelt aufschlagen durften. Hier haben wir auch eine deutsche Work-and-Travellerin kennen gelernt, die für ein paar Wochen auf dem Platz arbeitet und schon ganz viele Sonnenblumen für das Festival im August gepflanzt hat.
Außerdem gibt es hier ein sehr leckeres Craftbier (so eine Art Weizenbier) aus dem Nachbarort und köstliche „Maultaschen“. Wahlweise gibt‘s die Taschen sogar mit Elch gefüllt. Also, kleingehackter Elch, nicht am Stück!! Sind ja kleine Taschen, eher Täschchen. Die auch nicht Maultaschen heißen, sondern irgendwie anders. Haben wir aber vergessen, wie die heißen.
 
Main Stage

Unser Zelt auf der Bühne

 
Heißen ist ein gutes Stichwort (kleiner Kontextfuck). Litauisch gilt unter Sprachwissenschaftlern als eine der ältesten Sprachen der Welt, sagte man uns. Soll irgendwie mit dem Sanskrit verwandt sein und knapp 5000 Jahre auf dem Buckel haben.
Ganz in der Nähe des Campingplatzes befindet sich das Nationalheiligtum der Litauer, der so genannte „Berg der Kreuze“. War schon zu Sowjet-Zeiten ein Symbol des Widerstands. Wurde von den Sowjets zwar mehrmals plattgemacht, von den Litauern aber immer wieder aufgebaut.
Einfach mal die Bilder anschauen. Jedenfalls hat uns dieser Ort sehr beeindruckt.
 
 
 
 
 
Für unsere Weiterfahrt von besagtem Campingplatz empfiehlt man uns einen Abstecher zu einem nahegelegenen Naturreservat, das in einem Sumpf ehemals ein Guerilla-Camp beherbergte, als Litauen noch unter sowjetischer Besatzung stand. Vom Campingplatzbesitzer werden wir wieder mit umfangreichem Karten- und Infomaterial ausgestattet. Echt cool!
Den Sumpf haben wir uns natürlich angeschaut und es war die beeindruckendste und abwechslungsreichste Landschaft, die wir bisher auf unserer Reise kennen gelernt haben. Hat sich absolut gelohnt. Unsere Fotos können nicht mal annähernd wiedergeben, was da abging. Mit den voll bepackten Rädern unterwegs auf den Holzstegen, sind wir zum Glück niemandem begegnet. Das wäre eng geworden.
 
Swamp 01

Blick auf das riesige Naturreservat von oben

Heide

Auf den Holzbohlen kommt man gut voran

 
See

See mit hunderten Libellen

 
Apropos begegnet...
Eine wirklich sehr nachhaltige Begegnung möchten wir besonders erwähnen. Auch wieder ein super Beispiel, wie aus einer scheinbar absoluten Kacksituation was richtig Cooles werden kann. War ja schon mehrfach so. Here we go:

Wir sind mal wieder auf einer dieser für Litauen echt typischen, schnurgeraden, scheinbar endlosen Hauptstraßen unterwegs, die irgendwo am Horizont verschwinden. Der Himmel verdunkelt sich zusehends, die ersten Regentropfen fallen auf den Asphalt. Wir also schnell die Regenjacken und -hosen übergestreift und weiter geht‘s. Vielleicht kommt ja in den nächsten Kilometern eine der vielen überdachten Bushaltestellen, unter der wir dann pausieren können.
Tja, was sollen wir sagen? Auf Kies gefurzt! Es kam keine Bushaltestelle, stattdessen noch mehr Regen und als wäre das noch nicht genug, noch ein kräftiges Gewitter, mit Blitz und Donner. Ätzender geht‘s nicht.
Ach, nee, geht doch: Wie um uns auf die Probe zu stellen, kommt gerade jetzt auch noch ein langgezogener Hügel. Geil!! Genau das haben wir jetzt gebraucht. Wie elektrisiert (wahrscheinlich vom Gewitter) hecheln wir den Hügel hoch (dabei müssen wir aufpassen, dass sich unsere Zungen nicht in den Speichen des Vorderrads verfangen) und hoffen immer noch auf eine Bushaltestelle. Oben angekommen: Wieder nix.
Aber zumindest gibt es rechts eine Abfahrt in einen kleineren Ort, namens Kalnujai und am Ortseingang zumindest ein paar Bäume zum Unterstellen. Gesagt – getan. Moment mal… Gewitter und unterstellen unter einen Baum?!? Da war doch was… also schnell weiter, rein in den Ort gestrampelt. Vielleicht gibt‘s ja was Besseres.
Zu unserer Linken sehen wir einen kleinen Hügel, mit einem Friedhof und einer Kirchenruine auf der Kuppe des Hügels. Eigentlich ein schönes Fotomotiv, aber bei diesem Unwetter undenkbar. Unterstellen kann man sich auch nirgends. Auf der Straße bilden sich erste kleinere Bäche.
 
Unwetter

Ein Unwetter hat uns voll erwischt

 
Endlich, nach weiteren 100 Metern, ebenfalls zu unserer Linken, gibt es einen kleinen Laden, wie wir sie auch schon aus Polen kennen und lieben gelernt haben. Zu trinken hatten wir eh nix mehr, kam also wie gerufen.
Räder an die Straße gestellt und klatschnass shoppen gegangen. Anschließend stehen wir tropfend vor dem Laden unter einem kleinen Vordach mit anderen Leuten herum und warten auf das Ende des Unwetters.
Auf der Straße fährt ein Polizeiwagen langsam vorbei, der an der nächsten Kreuzung dreht und zurückfährt, um ebenfalls vor dem Laden zu halten. Irgendwie haben wir das Gefühl, die haben wegen unseren Rädern gedreht…
 
Unwetter 02

Polizeiauto hält vor dem Laden

 
Ein Polizist und eine Polizistin steigen aus, schauen kurz auf die Räder und kommen lässig durch den Regen zum Laden herüber. Er (also der Polizist) spricht uns auf litauisch an. Wir verstehen natürlich null und versuchen es mit Englisch. Bingo! Kann er sehr gut und wir fangen an uns zu unterhalten.
Natürlich werden wir zunächst neugierig nach unserer Herkunft gefragt (das passiert eigentlich immer, wenn die Leute die Koblenzflagge sehen). Seine Reaktion: “Wow, Crazy!“ Er übersetzt ihr (also der Polizistin) schnell unsere Antwort. Nächste Frage: Wo wollen wir denn noch hin? Als wir ihm schildern, dass wir auf dem Weg zum Nordkap sind, folgende Reaktion: „No, you‘re CRAZY!“ Kopfschütteln, Lachen und schnell an die Kollegin übersetzt. Auch sie lacht, die beiden finden Gefallen an unserem Vorhaben. Dann stecken wir den Beiden noch, dass wir beabsichtigen, für mindestens ein Jahr durch Europa zu fahren! Er kann sich kaum noch halten, lacht und meint: “Crazy Germans!! Wait here, we bring you to a nice place. You have to wait, okay?“ Jau, machen wir. Wir warten also brav unter dem Vordach und sind gespannt, was jetzt kommt.
 
Die beiden verschwinden schnell im Laden, kommen kurz danach mit ein paar kleineren Beuteln wieder heraus und rufen irgendjemanden an. Irgendwas gibt es wohl noch zu klären. Die paar Leute, die Zeugen des Geschehens sind, freuen sich auch schon über irgendwas, aber wir verstehen ja nix.
Wir werden freundlich aufgefordert den Beiden zu folgen. Sie fahren mit dem Auto vor und wir im Regen auf unseren Rädern hinterher. Zum Glück nicht sehr lange. Endlich halten wir vor einem flachen Backsteinbau und werden gebeten mit hinein zu kommen. Also lassen wir die Räder neben dem Polizeiwagen mit all unserem Hab und Gut stehen (man versichert uns, es würde schon nichts weg kommen) und folgen den beiden ins Innere des Gebäudes.
 
Police car

Wir parken neben dem Polizeiwagen

 
Dort werden wir durch zwei Büroräume hindurch in irgendein Amtszimmer gebeten und einer Frau vorgestellt, die wohl die Bürgermeisterin des Ortes ist. Keine Ahnung, ob wir das richtig verstanden haben, aber sie wird uns als Boss vorgestellt. Eine Polizistin scheint es jedenfalls nicht zu sein.
Wir stehen also klatschnass und tropfend in diesem Raum vor einem langen Konferenztisch, mit irgendwelchen Flaggen hinter einem Schreibtisch und werden zu Kaffee und Gebäck eingeladen (das befand sich in den Tüten, die die beiden aus dem Laden mitgebracht haben).
Geile Sache! Heiße Getränke, Süßigkeiten und ein Dach über dem Kopf. Wir werden allerhand Zeug zu unserer Reise und unseren Rädern gefragt, wie uns Litauen gefällt und wo wir schon überall waren. Außerdem was wir beruflich gemacht haben und wie wir auf diese Idee kamen. Es wird uns Einiges über die bewegte Geschichte des Ortes erzählt, sowie allgemein über Litauen und die Polizei. Ach ja, mittlerweile sprechen wir uns mit unseren Vornamen an!
Rita, die Bürgermeisterin, steht auf, verlässt den Raum und kommt kurz darauf mit Brot, Tomaten und nem superleckeren geräucherten Speck wieder. Man ist der Meinung, dass wir die Kalorien dringend brauchen. Wir schlagen uns die nassen Bäuche voll und fühlen uns bestens.
 
Gruppenbild 01

Netter Kaffeeklatsch während des Unwetters

 
Unser Kaffeeklatsch geht ne gute Stunde und wir werden noch gebeten für ein paar Fotos vor den vollbepackten Rädern, mit unseren Gastgebern zu posieren. Zum Glück hat der Regen nachgelassen.
 
Die übrig gebliebenen Kekse und Süßigkeiten werden verpackt und uns mit den allerbesten Wünschen mit auf den Weg gegeben. Außerdem noch Kühlschrankmagnete mit dem Bild der eingangs erwähnten Kirche und kleine Schlüsselanhänger in Kleeblattform, die jetzt an unseren Lenkern baumeln und uns täglich an diese tolle Begegnung mit Rita, Darius und Giedre erinnern.

Da die drei unseren Blog auch verfolgen, hier nochmal ein ganz besonderes Dankeschön. Ihr habt uns und allen Lesern dieses kleinen Blogs gezeigt, was ehrliche und aufrechte Gastfreundschaft gegenüber völlig Fremden bedeutet. Außerdem habt ihr unseren allergrößten Respekt verdient und für uns einen totalen Kackregentag (keine Ahnung in was euch der Google Translator das Wort verwandelt) in einen unvergesslichen und wunderschönen Tag verwandelt, einfach so!
 
Fachsimpeln

Fachsimpeln über Fahrradtechniik

 
IMG_7748

Gruppenfoto zum Abschluß

 
Gruppenbild 02

Gruppenfoto zum Abschluß

 
 
Wo wir uns zuletzt aufgehalten haben