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Die Nacht im alten Gutshaus

Fix durch Niedersachsen und quer durch Meck-Pomm
23/04/2018
Na wybrzeżu Bałtyku do Polski
30/04/2018
 

Letzter Beitrag aus Deutschland

Die Grenze zu Polen rückt von Tag zu Tag näher. Sind jetzt seit ein paar Tagen in Meck-Pomm unterwegs und queren von Südwest nach Nordost, Richtung Usedom, wo wir über die Grenze wollen. Zunächst mal: Riesenunterschied zu Niedersachsen. Radwege werden immer rarer, je weiter es nach Nordosten geht. Jetzt ganz im Norden wird es wieder mehr. Die Mecklenburgische Seenplatte ist keine Platte wie der Name vermuten lässt, sondern ist im Gegenteil sehr hügelig. Teils kam es uns vor, als radelten wir hier durch Tolkiens Auenland.
Was hier teilweise (wohl nur zum Scherz) als Radweg ausgeschildert ist, ist de facto dann ein ausgewaschener Feldweg der dann handtief mit Sand aufgefüllt (zugeweht) ist. Sind diverse Male umgekippt, weil die Räder eingesunken sind oder unter uns weggerutscht sind. Auf Sand fahren ist einfach Megakacke! Die Alternative als kürzester Weg ist dann irgendeine der vielen Bundesstraßen, auf denen wir uns dann stundenlang monoton am Randstreifen entlang hangeln, während links neben uns Motorräder, Autos und LKW's entlang rauschen. Schön und entspannend ist das nicht, aber zum Kilometer machen wichtig, da wir etwas Zeit verbummelt haben und die Krankenversicherung für Deutschland bald abläuft.
Kuriosität am Rande: Haben ausserhalb von Städten einmal drei Tage lang keine Radfahrer gesehen. Vollkommen ungewohntes Bild für uns.
Ansonsten W-LAN ist auf den Campingplätzen eher rar gesäht. Die Leute sind uns gegenüber längst nicht so aufgeschlossen und interessiert wie z.B. in NRW. Hier haben die meisten mit sich selbst wohl schon genug zu tun. Keine Ahnung. Fragt man sich: Woran hat's gelegen? Man kommt sich teilweise schon bescheuert vor, wenn man die Leute im Vorbeifahren grüßt und es kommt null Reaktion zurück. In Städten ist das vollkommen klar, aber auf dem Land? Dran gewöhnen brauchen wir uns jetzt auch nicht mehr, da wir eh bald in Polen sind.
 
Gutshaus III

Tipi aus Holz

 
 

Das alte Herrenhaus

Folgende Story (etwas lang, aber lohnt sich): Haben eine längere Tagesetappe hinter uns, befinden uns schon im Strampel-Notmodus und es sind noch einige Kilometer bis zu dem Campingplatz, den uns unsere Camping-App als nächst erreichbaren anzeigt. Dummerweise haben wir uns die letzten 5 Kilometer ausschließlich auf Google-Maps zur Orientierung und Routenplanung verlassen, was dazu führt, dass wir nach längerer Bergabfahrt in einem Sumpfgebiet an der Recknitz landen und wieder umkehren müssen. Leider während dieser Tour nicht das erste Mal. In der Stadt ist Google-Maps echt super, aber auf dem platten Land: lieber Finger weg! Egal.
Die Sonne ist mittlerweile auch schon verschwunden und es ist schnell frisch geworden. Mental stellen wir uns bereits schon aufs Wildcampen ein, falls der Platz aus welchen Gründen auch immer geschlossen ist (was uns auf anderen Touren auch schon passiert ist).
Wir radeln also am Ende unserer Kräfte auf einem schmalen Weg immer tiefer in ein düsteres Waldstück hinein, als sich plötzlich in der letzten Abenddämmerung eine große Lichtung mit Kuhweide und einem kleinen Gutshaus mit mehreren Nebengebäuden vor uns auftut. Erster Schockmoment: Keine Wohnmobile, Wohnanhänger, geschweige denn Camper weit und breit zu sehen. Alles duster. Wir radeln schon merklich angespannt weiter zum Gutshaus. Auch hier: kein Licht, noch nicht mal ne Klingel. Kacke, was tun? Auf einer Wiese stehen mehrere Autos rum, also müssen hier ja auch irgendwo Menschen sein. Und tatsächlich: An einer U-förmig angelegten Grillhütte hinter einem der Seitengebäude sitzen einige Leute an einem großen Lagerfeuer und sind offensichtlich dick Party am machen. Wir quatschen jemanden an und werden zur Besitzerin, einer Holländerin, weitergeschickt, welche wir schließlich auch in einer zum Festsaal umgebauten Scheune ausfindig machen können. Wir fragen also, ob wir hier richtig sind und ob wir unser Zelt für eine Nacht auf ihrem Gelände aufschlagen dürfen. Und siehe da: sagenhaft günstige 12.- Euro und freie Platzwahl. Das Sanitärgebäude quasi für uns alleine, da wir die einzigen Camper sind. Traumhaft. Dankbar und zufrieden bauen wir bei mittlerweile acht Grad und in der Dunkelheit im fahlen Licht unserer Stirnlampen unser Zelt auf. Danach: Zähneputzen, pullern und ab ins "Bett". So weit, so unspektakulär.
Nach einer absolut ruhigen, aber auch unerwartet kalten Nacht am Waldrand, in der tiefsten Pampa schälen wir uns morgens aus unseren vollgepupsten Schlafsäcken und sehen (diesmal bei Tageslicht), an was für einem besonderen Ort wir da gestrandet sind. Wir beschließen spontan einfach noch einen Tag hier zu verbringen, um uns alles ausführlich anzusehen. Außerdem müssen wir auch wieder unsere verschwitzten Klamotten waschen. Also nach unserem obligatorischen Müslifrühstück und zwei Tassen Kaffee rüber zur Besitzerin geschlurft und 'ne Verlängerung klargemacht. Weil die Frau total sympathisch und aufgeschlossen ist (wie alle niederländischen Campingplatzbetreiber bisher), kommen wir ins Gespräch und fragen, was es mit dem Gutshaus auf sich hat und ob sie weiß, was für eine Geschichte dahinter steckt. Sie erzählt uns daraufhin eine Story, die wir euch nicht vorenthalten wollen. Den Wahrheitsgehalt können wir nicht garantieren, das Meiste wurde wohl von den Dorfbewohnern der umliegenden Dörfer erzählt. Wir versuchen das hier mal in etwa nach zu erzählen. Los geht's:
Das Gutshaus wurde 1905 von einem reichen Reeder aus Rostock gebaut und als Jagd- und Wochenendhaus genutzt. Die Familie war während der Naziherrschaft sehr gut vernetzt und hatte angeblich Beziehungen in höchste Kreise. So war den örtlichen Gerüchten zufolge sogar Goebbels hier mal zum Jagen gewesen. Die guten Beziehungen nach Berlin führten schließlich auch dazu, dass Zwangsarbeiter hier auf dem Gut zum arbeiten eingesetzt wurden.
1945 rückte die rote Armee immer weiter in Nazideutschland vor. Viele der umliegenden Hof- und Gutsbesitzer flohen aus Angst vor Vergeltung und Gerüchten über Racheakte. Was sich dann hier abgespielt haben soll, weiß man nicht so ganz genau. Es gibt da mehrere Varianten, aber natürlich nix belegtes. Wir ersparen euch an dieser Stelle die grausamen Details. Das Ende ist jedoch bei allen Varianten immer gleich: Eigentümer des Guts sind tot. Angeblich wurden die Leichen sogar irgendwo in der Nähe des Gutes verscharrt.
Das Haus wurde geplündert und diente, weil es so groß war, nach dem Krieg vielen Flüchtlingen aus Ostpreußen als Unterkunft. Später zu DDR Zeiten war das Haus dann Staatseigentum und diente den Politbonzen als Jagdhaus. Danach wurde es dann als Standort für FDJ Zeltlager und noch später dann als Schullandheim genutzt.
Irgendwann nach der Wende, nachdem klar war, dass es keine rechtmäßigen Erben mehr gab, und das Anwesen lange ungenutzt blieb, wurde das Anwesen ausgeschrieben und die Familie der heutigen Besitzerin, die in der Nähe einen Bauernhof betreiben, bekam den Zuschlag unter der Bedingung, daß es der Öffentlichkeit zugänglich bleiben muss.
Heute dient es neben der Nutzung als Campingplatz als Jugendbegegnungsstätte und wird von den Anwohnern der umliegenden Dörfer für allerlei private Feiern und Feste angemietet. Soweit die Story um das Gutshaus in Kürze.
Hier mal der Link zum Anwesen.
 
Gutshaus IV

Einfahrt zum Anwesen

 
Gutshaus II

Rückansicht des Gutshauses

 
Gutshaus

Ausblick vom Recknitzberg

 

Die Nacht im Gutshaus

Wie im vorherigen Text erwähnt, hatten bei unserer abendlichen Anreise einige Leute eine kleine Vergrillung gestartet. Etwa 20 bis 30 Leute haben schön gefeiert, aber am nächsten Morgen ihren ganzen Dreck kreuz und quer liegen gelassen. Wir haben deshalb kurzerhand mittags, nachdem wir unsere Wäsche gewaschen und kleinere Reparaturen an unserer Ausrüstung erledigt haben, angefangen deren Müll wegzuräumen und ein wenig sauber zu machen.
Die Besitzerin des Anwesens war total dankbar für diese Entlastung und bot uns als Aufwandsentschädigung an, die folgende Nacht im alten Gutshaus zu verbringen. Das komplette Haus für uns alleine! Da zudem Gewitter angekündigt war, konnten und wollten wir dieses Angebot nicht ausschlagen.
Eine Hand wäscht die andere, also haben wir für das großzügige Angebot noch geholfen die benutzten Zimmer zu saugen und das benutzte Bettzeug abzuziehen.
Nach einer wirklich komfortablen Nacht haben wir am nächsten Morgen auf der Terrasse vor dem Haus gefrühstückt und mit der "Gutsherrin" noch bei einem netten Plausch einen Abschiedskaffee getrunken. Wenn wir nicht wegen unserer Krankenversicherung etwas unter Zeitdruck gestanden hätten, wären wir gerne noch ein paar Tage geblieben. Ein wirklich außergewöhnlicher und trotz seiner Vergangenheit auch zutiefst friedlicher und ruhiger Ort mit einer wirklich sehr liebenswürdigen "Gutsherrin".
 
Gutspanorama

Ausblick von der Terrasse des Hauses

 
 
 
Wo wir uns zuletzt aufgehalten haben