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Wild und schmutzig in Estland

Lettland – Land der Begegnungen
31/05/2018
L A T S C H O ist jetzt online! UPDATED VERSION
03/07/2018
 

Wild und schmutzig in Estland

Das dritte baltische Land ist an der Reihe – und zwar Estland. Zugegeben, eigentlich sollten wir uns nach bloß fünf Tagen noch keine Meinung über Estland erlauben, aber egal, wir haben ja trotzdem eine und posaunen sie auch einfach mal völlig unbedarft ins www raus.
Aus radfahrerischer, sowie geruchsmäßiger Perspektive ist das schöne Land eine echte Herausforderung. Sofort, ohne Übertreibung, sofort hinter der Grenze plustern wir unsere Riechzinken auf und fragen uns, was zum Teufel stinkt da so wie Oma unterm Arm? Und es hört und hört nicht auf. Den ganzen Tag nicht.
Das große Rätselraten fängt an: Ist es irgendein Kraut oder Baum? Kann nicht sein, der Bewuchs war in Lettland genau so. Außerdem ändert sich mit den Kilometern die Landschaft, aber der strenge Geruch bleibt.
Klar, wird der ein oder andere denken: Geht endlich duschen, dann riecht es auch wieder gut. Haben wir auch gedacht und irgendwann auch mal gemacht. Daran lag es nicht, soviel sei verraten.
Also wird es was Anderes sein. Wird hier was Komisches verstocht? Nö Quatsch, wir haben ja 26 Grad im Schatten, hier heizt keiner. Stinken die Autos? Nöö, es stinkt auch, wenn kein Auto fährt.
Am nächsten Tag (ja, denken dauert bei uns etwas), dämmert uns, dass der Asphalt so derbe stinkt oder die Bitumenmischung. Jedenfalls der Belag.
My lovely mister singingclub, das ist wirklich kein Spaß, da dieser Gestank uns die ganze Zeit begleitet. Wer hätte gedacht, dass man sich auch mal über n Stückchen unasphaltierte Schotterpiste freuen könnte? Als Autofahrer bekommt man das aufgrund der modernen Klimaautomatik mit Pollenfilter und allem Schnickschnack ja gar nicht mit (den Verwesungsgeruch aus den Straßengräben, den die in der Hitze rumgammelnden Roadkills absondern, ja glücklicherweise auch nicht).
 
Asphaltstrecke

Die Straßen müffeln in der Hitze und wir mit Ihnen

Baustellendurchfahrt

Das wir uns nochmal über Schotter freuen würden...

 
 
Aber jetzt genug rumgenölt. Estland ist ansonsten fantastisch. Es gibt mittlerweile ungewohnt viele Radwege, die zudem noch super ausgeschildert sind. Es macht richtig Spaß hier rum zu cruisen. Außerdem ist Estland für uns das Land der geheimnisvollen Klöster, verwunschenen Friedhöfe und alten Kirchen. Warum? Schaut euch einfach mal die drei jeweiligen Gallerien an.
 
 
 
 
Okay, kaputte Steinhaufen und olle Friedhöfe interessieren jetzt nicht jeden, deshalb: Krasser Themenwechsel - wild Zelten. Musste ja früher oder später kommen (haben aber selbst erst für Skandinavien damit gerechnet).
Ist ja auch gar nix gegen einzuwenden. Im Gegenteil, kann wirklich sehr schön sein. Aber wild Zelten in Verbindung mit "den ganzen Tag Fahrrädchje fahren", ist natürlich auch Geschmacks- bzw. Geruchssache.
Haben wir auf dieser Tour jedenfalls noch nicht gemacht, weil wir a) auf unsere Dusche noch nicht verzichten wollen und b), weil Campen für gewöhnlich im Baltikum eh nicht teuer ist. Außerdem sind die Campingplätze oftmals sehr liebevoll angelegt und wirklich gut ausgestattet, so dass man als Zelter (oder Zeltner, Zeltinger?) auch ne voll ausgestattete Gemeinschaftsküche nutzen kann, samt Sitzgelegenheiten und Strom und WiFi usw. Da verzichten so zivilisationsverwöhnte Birnen wie wir auch nur ungern drauf.
Nun sind wir also in Estland unterwegs, aber eher inländisch und damit abseits der üblichen Tourismusrouten und schon werden die Campingplätze rar.
Das wild Zelten wird in Estland, sagen wir mal "eher geduldet", ist aber nicht wirklich erlaubt. Nur in den vielen Nationalparks ist es strikt verboten, dafür gibt es aber am Rande dieser Parks auch ausgewiesene Flächen, wo man dann Zelten darf.
Es kommt, wie es irgendwann kommen muss. Wir können keinen Campingplatz finden. Zum Glück erreichen wir abends so einen besagten Nationalpark und nutzen dann ganz brav die Biwakwiese.
 
Biwakplatz

Biwakplatz am Nationalpark

 
Ist total geil gemacht, mit überdachten Sitzgelegenheiten, Grillplätzen und versteckten Nieschen für das Zelt. Sogar mit sauberem Plumpsklo und Klopapier. Wunderbar.
 
Plumpsklo deluxe

Plumpsklo deluxe

 
Keine Dusche? Kein Problem, am nächsten Tag gibt es laut Karte wieder einen erreichbaren Platz. Da können wir dann unsere verschwitzten Bodys wieder fein abduschen. Mit diesen Gedanken radeln wir am nächsten Morgen frohgemut über den Müffelasphalt. Dann stellen wir fest, dass ein auf Karten eingezeichneter Campingplatz in Estland, auch einfach eine Wiese mit Spielgeräten und mosquitoverseuchtem Plumpsklo bedeuten kann. Oder sind wir falsch, ist es doch nur ein Spielplatz und wir dürfen hier gar nicht Zelten? Oder doch privat, unweit steht ein Wohnhaus? Obwohl, an der Straße stand ein riesengroßes Schild, auf dem Camping drauf stand. Fragen über Fragen.
Etwas unsicher entscheiden wir uns zunächst dafür, erst einmal etwas zu essen und dann das Zelt zu späterer Stunde aufzubauen. Gesagt getan und später gut geschlafen.
 
Lagerplatz

Ist es öffentlich oder nicht?

 
Wir wissen bis heute nicht, ob wir da hätten bleiben dürfen oder wie oder watt? Jedenfalls, wieder keine Dusche. Ok, egal, is jetzt so. Wir sind ja unter uns. Und heute Abend, in Paldisiki, gibts ja auf jeden Fall einen richtigen Campingplatz, der ist sogar in der Camping-App. Muss laut Karte richtig schön neben nem Leuchtturm auf einer Halbinsel liegen. Also nix wie los (über den Müffelasphalt - logo) nach Paldiski. Radel, radel, radel...
Wir erreichen irgendwann am Abend Paldiski und finden auch den Camingplatz aus der App, Gott sei Dank.
 
 
Paldiskis Leuchtturm

Leuchtturm an der Steilküste von Paldiski

 
Dort angekommen treffen wir den Besitzer. Wir erklären was wir wollen, doch er schüttelt den Kopf und meint, dass er wegen einer Privatfeier, die bei ihm auf dem Platz stattfindet, geschlossen hat. Die haben den ganzen Platz gemietet! Aber er würde uns empfehlen noch anderthalb Kilometer weiter an der Küste entlang zu radeln, da sei ein schöner Strand und wir könnten ja dort wild Zelten.
 
Steilküste

Steilküste von Paldiski

 
BÄÄM!, wieder keine Dusche. Stinkend (Am schlimmsten stinken unsere Sandalen! Ei Leute warum stinken denn eigentlich Sandalen? Die sind doch offen, was ist das denn für ein Scheiss?) und verschwitzt wie wir sind, gurken wir durch Sandpisten und kleine Wäldchen zu diesem Strand und ziehen dabei gefühlt alle dort ansässigen Stechmücken magnetisch an, die uns gerne folgen und sich an uns laben. Wir kämpfen uns zu diesem schönen Flecken Erde und flüchten uns so schnell wir können in unser hektisch aufgebautes Zelt. Den tollen Sonnenuntergang können wir nur durch das Moskitinetz unseres Zeltes anschauen. Wurscht, is trotzdem schön.
 
Sonnenuntergang von innen...

Sonnenuntergang einmal vom Zelt heraus...

Sonnenuntergang

... und einmal von außen unter Mückenattacken fotografiert.

 
Fischtrawler am Horizont

Fischtrawler am Horizont

 
Am nächsten Morgen sehen wir dann genauer, wie schön es dort wirklich ist. In der Sonne lassen uns die Viecher auch halbwegs in Ruhe. Wir können am Strand liegen, Yippie!
So, nun denken bestimmt viele. Wo ist das Problem? Einfach ins Meer baden gehen und schon ist man wieder sauber. Genau das haben wir auch ausgiebig gemacht, allerdings riecht man trotz Seife anschließend etwas -nun ja- "fischig". Riecht eben nicht nach Dusche.
Dadurch, dass wir später die ganze Piste auch wieder zurück nach Paldiski mussten, war von unserer tollen Waschaktion schließlich nix mehr zu sehen.
Hier noch ein paar Bilder vom Strand, Strandgut und nem kleinen Totem, dass wir daraus gebaut haben.
 
 
Der aufmerksame Leser wird sich jetzt gefragt haben: Paldiski,... Paldiski... die wollten doch nach Tallinn? Wieso sind die denn nach Paldiski gezockelt? Hier die Antwort: Tallinn - Helsinki kennt man ja. Beliebte Fährstrecke, nutzen die meisten... blablabla. Hatten wir ursprünglich auch vor. Aber dann entdeckten wir zwei blasse Strichlein auf der Karte, (die wir auf unserem ersten Campingplatz in Litauen geschenkt bekamen), die von Paldiski Richtung Finnland führen. Wir versuchen zu ergoogeln, ob man auch als Radreisende mit der offensichtlich existierenden Fährverbindung mitfahren darf und falls ja, was es kostet. Aber dauernd schmiert die Verbindung ab, ausserdem ist Monatsende. Das Datenvolumen ist mal wieder aufgebraucht und alles lädt unerträglich lange.
Kurzum, wir bekommen nicht heraus, ob wir überhaupt die Route nehmen können und wenn ja, wie viel kostet uns der Spaß? Also Fehlanzeige. Wir beschließen dennoch den Weg nach Paldiski zu nehmen und es einfach mal vor Ort zu versuchen.
Wir radeln zum Hafengelände, uns wird schnell klar, dass das alles eher nach Frachthafen aussieht. Nach längerem Umherirren auf dem Hafengelände finden wir endlich einen Bürocontainer von DFDS und dort bekommen wir tatsächlich ne Auskunft.
Vorab sei erwähnt, dass uns Tallinn-Helsinki schlimmstenfalls 46.- Euro als pro Nase gekostet hätte. Die Preise schwanken zwar (sind wohl Tagespreise) und man kann auch günstigere Tickets bekommen, das ist bei kurzfristiger Buchung aber nicht sicher. Das sei nur nebenbei erwähnt.
So, zurück zur Auskunft. Die Route, die wir uns auf der Karte ausgesucht haben gibt es zunächst mal wirklich. Obwohl uns weder von den Einheimischen die wir die letzten drei Tage gefragt haben, noch von anderen Reiseradlern jemand etwas dazu sagen konnte.

Glück gehabt. Der nette, junge Herr am Schalter macht uns in gebrochenem Englisch eine schriftliche Reservierung für den nächsten Abend klar. Wie gesagt, von Paldiski nach Hanko. Dauert etwa 3.5 Stunden. Scheiße, denken wir, die fährt ja viel länger. Das wird sicher teuer. Wir schauen auf das Schreiben und lesen den Betrag: 50.- Euro. Die Bestätigung wurde natürlich auf estnisch verfasst, wir können nur das Datum, die Uhrzeit und den Betrag lesen. Hat er die Fahrräder etwa vergessen? Ist es evtl. nur eine Person? Wir versuchen irgendwas mit dem Google Übersetzer zu erreichen, aber ihr wisst ja: Verbindung, Datenvolumen, das alte Lied.
Also müssen wir uns überraschen lassen und fahren am nächsten Nachmittag gespannt und mit ausreichend viel Bargeld zum Hafen. Wir checken am ersten Checkpoint ein und werden aufgefordert tatsächlich nur 50.- Euro komplett inklusive den beiden Rädern zu zahlen. Wir zeigen ungläubig auf die voll bepackten Drahtesel und die nette Dame sagt, „Yes, we know. It's included.“
Wir können unser Glück kaum fassen. Es hat wirklich nur 25 Euro pro Person, trotz längerer Route, gekostet. Cool!
Wir dürfen schon früher an Bord, bereits 1.5 Stunden vor Abfahrt. Die Fähre ist ja eh schon da. Alles sehr entspannt.
 
Unsere Fähre

Auf dem Weg zur Fähre

DSC04015

Im Bauch der Fähre

 
Wir latschen nach oben zur "Rezeption" im Schiff, die nette Dame dort checkt unsere Tickets und sagt uns wann und wo es Abendessen gibt. Äh... was denn für n Abendessen?!?
Wir lehnen freundlich und dankend ab, hatten ja eigenes Essen dabei, und wollen außerdem sparsam sein. Da sagt sie: „Its included!“ Warmes Futter bis zum abwinken. Juhu! Seit drei Tagen nicht geduscht, seit etlichen Tagen nichts Warmes mehr gegessen und nun das.

Für uns ungewöhnlich ist, dass auf dieser Fähre in der Regel wohl eher Trucker mitfahren. Deshalb waren die vortags am Schalter wahrscheinlich auch zunächst so unsicher, wie mit den Rädern zu verfahren sei. Da wurde nämlich noch schnell mit der Crew an Bord per Funkgerät gecheckt, wie und wo und überhaupt...
 
DSC04018

Noch leer und ruhig. Das soll sich ändern.

 
Wir sind als erstes an Bord, doch es dauert nicht allzu lange und der Essensraum füllt sich nach und nach mit schätzungsweise 40 gestandenen Fernfahrern. Klischee pur. Da ist plötzlich richtig Trubel. Einige kennen sich wohl untereinander, es wird viel gelacht und später ordentlich zusammen gemampft. Manche sitzen nach dem Festmahl (Bratkartoffeln, Schnitzel, Frikadellen) mit uns auf einer riesigen Couch und schauen sich gelangweilt "Die Simpsons" (auf Deutsch) im großen Bord-TV an, während wir uns kaputtlachen.
Jedenfalls haben wir schnell das Gefühl, auf genau der richtigen Fähre zu sein. Wieso? Ganz einfach: Wir waren offensichtlich nicht die Einzigen an Bord, die seit mehreren Tagen nicht geduscht oder schmutzige Klamotten hatten. Nur unsere Füße, die sahen wesentlich besser aus...
 
Füße mit Grillstreifen

Füße mit Grillstreifen

 
 
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