parallax background

Spanischer Eiersalat

Auf den Spuren unserer Ahnen
27/01/2019
 

Spanischer Eiersalat

Toller Eyecatcher, ne? Diese olle Seegurke haben wir tatsächlich am Strand "gefunden". Wurde wahrscheinlich angespült, oder so. Egal. Tja, also wir sind doch wirklich immer noch in Spanien. Zugegeben, es zieht sich etwas und das kam so:

Flugzeugfriedhof von Teruel
Nach unserem Workaway am Ebro sind wir rechtzeitig zur Mandelblüte ins spanische Hochland „Terra Alta“ aufgebrochen, um den einzigen Flugzeugfriedhof Europas zu besichtigen. Der Kenner merkt sofort: Hochland – ist irgendwas mit Bergen! Richtig. Der besagte Friedhof liegt auf einer Hochebene in knapp 1000m ÜNN. Stellenweise waren wir sogar auf über 1400m unterwegs, was im Februar recht... ääh... "frisch" war. In einer Nacht ist uns beispielsweise unser Essgeschirr am Zeltboden festgefroren. Kein Scheiss! Schnee gab‘s auch. Dabei sind wir doch extra nach Spanien gefahren, um der Kälte zu entgehen. Kannste mal sehen.
 
DSC03538

Unterwegs in der "Terra Alta"

 
 
Die Besichtigung der letzten Ruhestätte für Flugzeuge gestaltete sich dann doch anders als erwartet. Man kann das Gelände nämlich nicht betreten. Es gab diesmal leider auch keine Ausnahmen für Radreisende. So haben wir also nur draußen am Zaun geklebt und versucht ein paar bescheidene Bildchen zu knipsen. Dieses Abenteuer war ehrlich gesagt nicht wie erhofft. Man kann halt nix erzwingen. Naja…
 
 
 
 
Als nächstes Ziel haben wir die Badlands von Tabernas auserkoren. Auf dem Weg dorthin ist uns Arnaud aus Frankreich über den Weg geradelt. Sein Projekt: Von Lyon nach Dakar aus eigener Kraft. Klingt erst mal unspektakulär, bis einem klar wird, dass er auch das Mittelmeer an der Straße von Gibraltar aus eigener Kraft überqueren möchte. Entweder per Kajak oder als Kitesurfer. Wir radeln zwei Tage gemeinsam, müssen uns dann aber wegen des spanischen Eiersalats trennen.
 
 
DSC01954

Arnaud hat zwei Platten an einem Morgen

 
Spanischer Eiersalat
An dieser Stelle switchen wir mal aus der „Wir“, um in die Markus bzw. „Ich“ Perspektive. Es wird etwas intim und ordinär, sollte aber auch gleichzeitig ein Appell an alle männlichen Radreisenden sein, gesundheitlich auf sich zu achten.
Seit wir unser Workaway verlassen haben, kam es vor, dass ich nachts krass oft pinkeln musste. Teilweise sechs bis acht Mal pro Nacht. Wie so ein Granufink-Opa. Aber anders als z.B. bei einer Blasenentzündung kam auch immer was raus. Beim Radeln stellte sich oft ein Taubheitsgefühl im Schritt ein, zudem hatte ich Abends das Gefühl mein Sack wäre angeschwollen (quasi "dicke Eier", aber nicht so wie man das aus der Pupsität kennt). Ja, ich weiß – peinlich sowas öffentlich zu schreiben. Was ist das überhaupt für ein Wort?!? Quasi! Wer benutzt denn sowas? Ist aber für nen guten Zweck und soll gerade die jüngeren Kerle unter euch etwas sensibilisieren.
 
DSC03895

(Nicht) immer fit im Schritt

 
Den Pschyrembel konnte ich aus Gewichtsgründen ja nicht für die Reise einpacken, aber wofür gibts den Netdoctor. Als erfahrener Hypochonderveteran also schnell mal bei Netdoctor nachgeschaut, für die gute alte Selbstdiagnose. Wie immer bei Netdoctor lautet die Diagnose natürlich letztendlich Krebs (Nase läuft: Krebs, Kimme juckt: Arschkrebs, usw... kennt ihr bestimmt)
Es folgt, was folgen muss. Hirnwichserei! Was hab ich dich vermisst. Here we go: „Scheiße, Hodenkrebs. War da nicht mal was mit Lance Armstrong (US Radprofi, mehrfacher Tour de France Sieger, erkrankte an Hodenkrebs)?“ Außerdem fällt mir sofort das tränenreiche Video des Youtubers Bicycle Touring Pro ein, der eine Tour (ich glaub sogar durch Spanien) abbrechen musste, weil er an Hodenkrebs erkrankt ist. Ganz klar, genau das hab ich jetzt auch. Bin ja auch in Spanien...
 
Ich überlege mir schon Einzelheiten zu meiner Beerdigung (Testamentsmemo an die Nachwelt: Als Musik bei meiner Trauerfeier soll das Pinocchio Intro von der gleichnamigen Zeichentrickserie laufen (deutsche Version), außerdem möchte ich kompostiert werden und auf meinem Kompost sollen Kartoffeln angebaut werden. Diese sollen nach der Ernte zu Pommes verarbeitet und dann zunächst eingefroren werden. Bei Familienfeiern kann man die Markus-Pommes dann frittieren und sich von dem hoffentlich tollen Geschmack verwöhnen lassen). Besser als Madenfrass zu werden, denke ich mal. Aber ich schweife ab.

Normalerweise bin ich Experte darin, gesundheitliche Beschwerden einfach locker auszusitzen (daher der schwere Bräter).
Selbstverständlich wird es mit der oben genannten Aussitz-Strategie manchmal auch schlimmer, aber ich gehe echt nicht gerne zum Arzt, finde das oft so erniedrigend. Dann ist man auch noch auf die Hilfe anderer angewiesen. Geht ja sowas von gar nicht.
Jetzt also Eier- Beschwerden in Spanien. Toll! Natürlich haben wir eine Globetrotter Krankenversicherung, aber die Kosten muss ich ja erst mal selbst vorstrecken, was auch eine Hürde ist. Also lieber nicht wegen jedes Schisses zum Arzt juckeln. Aber diesmal ist es ja kein Schiss. Is ja höchstwahrscheinlich Krebs.

Erschwerend kommt hinzu: Das spanische Ausbildungssystem ist -sagen wir mal – sehr speziell. Kleiner Exkurs, grob dargestellt: Ein Typ bekommt auf dem Bau ne Maurerkelle in die Hand gedrückt und ist SIMSALABIM Maurer. Bei Ärzten ist es schon etwas komplexer, aber in etwa so: Ein Allgemeinmediziner, der auch weibliche Patientinnen versorgt hat, ist somit auch Frauenarzt. So ungefähr.

Weiteres Problem: Selbst Akademiker sprechen oder verstehen hier nur schlecht Englisch. Ich kann auf spanisch zwar „Cojones“, also Eier, sagen, aber das reicht natürlich nicht für die genaue Beschreibung meiner Beschwerden.
Auf den Google Translator will ich mich beim Arzt nicht verlassen. Am Ende humpel ich noch kastriert und entwurmt aus der Praxis wieder raus. Weiß man‘s?
Natürlich möchte ich für mein Problem die bestmögliche und vor allem "sanfteste" Behandlung. Ich spiele mit dem Gedanken für die Untersuchung nach Deutschland zu jetten. Ist bestimmt am einfachsten… oder ich schaue mal, ob es hier ausgewanderte deutsche Urologen gibt.
Tatsächlich, gibt es, sogar entlang unserer Route. Hurtig ein Terminchen ausgemacht und ab geht das. Leider müssen wir aber einige Tage warten, da der Doc derzeit in München zu tun hat.
Wir trennen uns also schweren Herzens von unserem stets gut gelaunten Reisebegleiter Arnaud, um uns in Moraira zeltlich sowie zeitlich niederzulassen und dem Termin entgegen zu fiebern. Und was soll ich sagen? Die Entscheidung war goldrichtig.
Auf dem Weg zur Klinik haben wir nebenbei gesehen, warum Camper in Spanien so furchtbar beliebt sind (bemerkenswert ist auch der handschriftliche Kommentar am unteren Rand des Schildes), es wartete außerdem noch ne coole "Piratenhöhle" darauf erforscht zu werden und ein 22%er wollte unbedingt radfahrtechnisch erklommen werden. Alles erledigt und abgehakt.
 
 
Der Doc heißt Thomas und schmeißt die Klinik mit seiner Frau Gabi. Thomas ist selber Langzeitreisender gewesen, außerdem Radreisender und fährt ein Liegerad. Natürlich wird gefachsimpelt, die Räder inspiziert, wie das eben so üblich ist. Außerdem die gute alte Prostata-Untersuchung, Abtasten und Eier-Ultraschall (alles er bei mir) und alles in einem Abwasch. Fazit: Kein Krebs, aber die Prostata ist gereizt und verhärtet. Sattelneigung anpassen, außerdem öfter mal im Stehen fahren und Pausen einlegen. Glück gehabt! Mein Sattel mit der ovalen Einkerbung in der Mitte ist aber gut.
Die Atmosphäre während der Untersuchung ist locker, aber professionell. Beim Abschlussgespräch ruft Thomas kurzerhand Gabi mit dazu und sagt, dass er diese Untersuchung sozusagen sponsern möchte. WHAT? Er fragt wie viele Patienten noch in Wartestellung nebenan lauern und lädt Katja und mich dann spontan noch nach Dienstschluss zum „All you can eat“ Chinesen ein. Da können wir weiter fachsimpeln. Wie saucool ist das denn bitteschön?!?

Wir spachteln uns in Radfahrermarnier quer durch das Buffet und quatschen noch bis der Laden schließt und verabschieden uns mit dem Ergebnis, dass die Beiden quasi unsere deutschen Botschafter in Spanien sind. Also, wenn was ist, einfach anrufen. Geilster Arzttermin ever!
 
 
DSC04022

Unsere deutsche Botschaft in Spanien

 
 
Jetzt noch ein kleiner Tipp (direkt ans Appell Ohr gerichtet) an alle männlichen Radler. Wenn ihr „unnerum nimmi ganz su frisch said“ lasst die Angelegenheit nicht schleifen (haha). Schnellstmöglich nen Termin ausmachen, besonders wenn im Sack Schmerzen auftreten gilt es wirklich keine Zeit zu verlieren. Sonst ist es aus mit dem Kindergeld.
Ernsthaft: Thomas hatte zum Beispiel einen Patienten mit plötzlicher Krebsdiagnose der schon Pläne gemacht hat, wenn er denn dann bald sein Häuschen abbezahlt hat und danach in Rente geht. Da musste Thomas im klar machen, dass er weder das eine, noch das andere erleben wird. Zu lange gewartet. Das kann einem auch mit Mitte 20 passieren.
Die alte Sanduhr läuft für jeden von uns, aber manchmal kann man dem Gevatter Tod davon sprinten, wenn man sich rechtzeitig kümmert. Also los: die schnellen Schuhe anziehen, Vorsorgeuntersuchungen machen und vor allem keine Träume aufschieben.
 
 
 

Badlands von Tabernas

Unser nächstes Ziel war die Desierto de Tabernas (Für die eiligen Leser gibt es am Ende eine kurze Zusammenfassung).
Was klingt wie ein Nachtisch ist in Wirklichkeit eine Halbwüste in Andalusien östlich der Sierra Nevada. Teile dieser Wüste hat garantiert jeder von euch mal in irgend nem Film gesehen, ohne es zu wissen. Hier wurden nämlich etwa 500!!! Filme produziert. Klassiker wie „Lawrence von Arabien“, „Conan der Barbar“, "Das Sandmännch... " nee Quatsch, aber „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ oder „Spiel mir das Lied vom Tod“ und - Achtung - „Vier Fäuste für ein Halleluja“ wurden hier in Teilen gedreht. (wer nur Programmkino sieht, kennt wahrscheinlich nix davon).

Das krasse ist, dass die Kulissen hier in der Wüste (wohlgemerkt Naturpark und Schutzgebiet) einfach stehen gelassen wurden und seitdem entweder touristisch, also gegen massive Eintrittsgelder, ausgeschlachtet werden oder mehrheitlich einfach vergammeln. Wir haben uns eines dieser Westernstädtchen angeschaut. Glücklicherweise ist gerade Nebensaison gewesen und wir waren fast alleine hier.
 
 
 
Es gibt außerdem eine Menge ausgetrockneter Flussbetten und Schluchten mit Höhlen, also echt viel zu entdecken und als Radler oder zu Fuß kann man Plätze erkunden, die Autofahrern unzugänglich sind. Allerdings gibt es nur schotterige Pisten und – ein neues Fahrerlebnis - Staub! Genauer gesagt, Sand, der so fein ist, wie Puderzucker. Ist zum Radeln noch beschissener als Sand. Wenn man da reinfällt ist man von einer grau, gelben Wolke umhüllt. Schmeckt auch überhaupt nicht. Halstücher in Wildwest-Manier bis über die Nase hochziehen hilft.
Krass sind auch die hellen Salzflecken auf der Erde, die beim Überfahren eigentümlich knistern. Leider kamen die Spanier auf die Idee hier eine Autobahn durch zu bauen. Als Ergebnis kann man die Autos kilometerweit hören, selbst wenn man sie nicht mehr sehen kann. Das fuckt natürlich etwas ab, insbesondere nachts, wenn man schlafen will. Außenrum wäre sicherlich auch Platz für ne Autobahn gewesen. Es war trotzdem, aufgrund der wirklich krassen Landschaft, ein Highlight unserer bisherigen Reise.
 
DSC04738

Die Desierto de Tabernas

 
 
Zusammenfassung: Vor ein paar Jahren (ca. sieben Millionen) plätscherte hier ein Meer lustig vor sich hin und als das dann irgendwie weggezogen ist, blieb hier ne Menge Salz und Steine in der Gegend rum liegen. Weil es so schön trocken ist, kam später ein Herr Leone auf die Idee hier ein paar Filme zu drehen, in denen es nicht regnet. Mittlerweile sind Filme ohne Regen nicht mehr so modern, daher sieht's hier aus wie bei Hirni unterm Sofa. Schließlich sind wir beiden Radreisenden hier entlang geföhnt und haben wie die Bescheuerten an den salzigen Steinen rumgenuckelt. Zum Glück hat uns keiner dabei beobachtet. Ende.
 
 
 
 
Zum Abschluss wollen wir euch noch von unserer letzten Bekanntschaft, einem finnischen Pärchen, berichten die das ehrgeizige Projekt haben, ganze zehn Jahre mit dem Rad rund um den Globus zu reisen. Wie geht sowas? Soviel Kohle kann ja niemand ansparen. Aber so wie die Beiden das machen geht es schon. Peyman ist nämlich Wildnis-Trainer und für die Verpflegung zuständig. Matilda verdient als „Digital Nomad“ etwas Geld mit Instagram, Youtube und einer eigenen Website dazu.
Die Zwei haben sich bisher von frischen Roadkills ernährt (das sind überfahrene Tiere vom Straßenrand), Beeren und Pilze gesammelt, außerdem gehen sie Containern (Lebensmittel aus dem Supermarktabfall fischen).
Normalerweise geben sie also gar kein Geld aus, wenn doch mal, dann kamen sie in Europa bisher zusammen mit etwa vier bis sechs Euro am Tag aus. Das ist wirklich mehr als bemerkenswert. Besucht die beiden sympathischen Finnen doch mal auf www.nomadstrails.com und schaut euch das Spektakel an.

Unsere nächsten Etappenziele sind übrigens die Alhambra in Granada, das Städtchen Ronda und dann hoffentlich endlich Gibraltar. Vorausgesetzt wir verfahren uns nicht zwischen den kilometerlangen Gewächshäusern oder verirren uns im spanischen Schilderdschungel. Bis denne...
 
 
DSC04953

Hier seht ihr die (flächenmäßig) größte Umweltsünde Europas

 
 
DSC02068

Ideale Stelle um einen Blitzer aufzubauen

 
 

Wo wir uns zuletzt aufgehalten haben